1. Eine neue Entwurfshaltung
Nach mehr als drei Jahrzehnten architektonischer Praxis und theoretischer Arbeit bin ich überzeugt, dass die zentrale Aufgabe der Architektur des 21. Jahrhunderts in der Weiterentwicklung unserer gebauten Umwelt liegt.
Der überwiegende Teil unserer Gebäude, Quartiere und Städte existiert bereits. Dennoch wird architektonischer Fortschritt häufig noch immer mit Neubau gleichgesetzt. Der Umbau erscheint als Anpassung an bestehende Bedingungen, während der Neubau als eigentliche schöpferische Leistung gilt.
Architecture of Transformation vertritt eine andere Auffassung. Der Bestand ist nicht die Einschränkung des Entwurfs, sondern sein Ausgangspunkt. Seine räumlichen, konstruktiven, materiellen und kulturellen Qualitäten bilden die Grundlage für neue architektonische Lösungen.
Dabei geht es weder um die unveränderte Bewahrung des Vorhandenen noch um Veränderung um ihrer selbst willen. Ziel ist es, aus dem Bestand eine neue architektonische Identität zu entwickeln, die den Anforderungen der Gegenwart entspricht und zugleich zukünftige Entwicklungen ermöglicht.
Transformation ist deshalb kein Stil, sie beschreibt eine Entwurfshaltung, die das Vorhandene versteht, seine Potenziale erkennt und daraus eine neue Zukunft entwickelt.

2. Weiterbauen – ein ursprüngliches Prinzip der Architektur
Die Geschichte der europäischen Architektur ist weit weniger eine Geschichte des Neubaus als eine Geschichte des Weiterbauens.
Europäische Städte sind über Jahrhunderte durch Erweiterungen, Umbauten, Aufstockungen und Nutzungsänderungen entstanden. Bestehende Strukturen wurden nicht einfach ersetzt, sondern immer wieder in neue Zusammenhänge eingebunden. Gerade dadurch konnten sich Gebäude und Städte verändern, ohne ihre räumliche Identität vollständig zu verlieren.
Die Stadt war niemals ein abgeschlossenes Werk. Jede Generation hat ihre eigene Schicht hinzugefügt und auf die räumlichen, technischen und gesellschaftlichen Bedingungen ihrer Zeit reagiert. Kontinuität und Wandel bildeten dabei keinen Widerspruch, sondern die Voraussetzung einer dauerhaften Entwicklung.
Mit der Moderne etablierte sich vielfach ein anderes Fortschrittsverständnis. Der radikale Neubeginn, die funktionale Trennung städtischer Funktionen wie Arbeiten, Wohnen, Handel und Produktion und damit die ungebremste Ausdehnung der Siedlungsflächen wurden zu prägenden Leitbildern basierend an den Glauben der neuen technischen Möglichkeiten und die motorisierte Mobilität. Der Abriss bestehender Gebäude galt als Voraussetzung für eine neue Ordnung. Dabei gerieten jedoch die langfristigen Werte der gewachsenen Stadt oft aus dem Blick: ihre räumlichen Zusammenhänge und Strukturen, die in Gebäuden gebundenen Materialien, Infrastrukturen und Arbeitsleistungen sowie die Identität ihrer Orte. Das 20. Jahrhundert wurde vom Gedanken der unbegrenzt verfügbaren Ressourcen beherrscht und vom Fortschrittsglauben immer neuer technischer Möglichkeiten.
Heute müssen wir erkennen, dass Technik rasch veraltet, dass sie aufwendig Instand gehalten und gewartet werden muss und das Funktionen sich rasch verändern und Gebäude daher rasch nicht mehr den aktuellen Anforderungen entsprechen, weit vor dem Ablauf ihres natürlichen Lebensyklus.
Aus all diesen Entwicklungen folgt, dass wir das Weiterbauen wieder bewusst als eigenständige architektonische Aufgabe verstehen sollten, da wir unsere Städte weder weiter ausdehnen noch unsere Gebäude nach wenigen Jahrzehnten einfach wieder abreissen können.
Dabei geht es nicht um eine Rückkehr zu historischen Formen. Die Vergangenheit ist kein formales Vorbild, das reproduziert werden soll. Entscheidend ist vielmehr, aus der Geschichte zu lernen, wie sich Architektur kontinuierlich verändern und dennoch dauerhaft bleiben kann.

3. Den Bestand lesen
Jeder Transformationsprozess beginnt mit dem Verständnis des Vorhandenen.
Ein Gebäude ist mehr als eine Ansammlung von Wänden, Decken, Fenstern und technischen Anlagen. Es ist das Ergebnis seiner Entstehungszeit, seiner Konstruktion, seiner Materialien und seiner Nutzungsgeschichte. Spätere Veränderungen, Reparaturen und Gebrauchsspuren haben weitere Schichten hinzugefügt.
Wer ein Gebäude weiterentwickeln will, muss diese Zusammenhänge erkennen und interpretieren können.
Die Untersuchung des Bestands geht deshalb über eine technische Bestandsaufnahme hinaus. Sie fragt nach der inneren Logik des Gebäudes: Wie sind die Räume miteinander verbunden? Welche konstruktiven Prinzipien bestimmen seine Struktur? Welche Bedeutung besitzen Licht, Proportionen und Materialität? Welche Veränderungen haben seine heutige Gestalt geprägt?
Ich verstehe diesen Prozess als das Lesen einer architektonischen Partitur. Erst wenn ihre unterschiedlichen Stimmen – die konstruktive, räumliche, materielle, funktionale und historische – verstanden werden, kann eine neue architektonische Komposition entstehen.
Diese Analyse ist kein Selbstzweck. Sie bildet die Grundlage für die Entscheidung, welche Qualitäten weitergeführt, welche Strukturen verändert und welche neuen Elemente hinzugefügt werden sollen.

4. Entwerfen aus dem Vorhandenen
Die eigentliche Entwurfsaufgabe liegt darin, die Möglichkeiten des Bestands und die Anforderungen einer neuen Nutzung miteinander in Beziehung zu setzen.
Vorhandene Raumfolgen können neue Funktionen aufnehmen. Bestehende Konstruktionen eröffnen Möglichkeiten für Erweiterungen. Durch gezielte Eingriffe entstehen neue Verbindungen, Blickbeziehungen und räumliche Zusammenhänge. Ergänzungen können die bestehende Architektur stärken oder ihr eine neue Dimension verleihen.
Dabei entsteht eine neue architektonische Einheit aus unterschiedlichen Zeitschichten. Das Vorhandene bleibt als Teil seiner Geschichte erkennbar, während neue Elemente die Anforderungen der Gegenwart aufnehmen.
Nicht jede bestehende Struktur besitzt bereits eine ausgeprägte architektonische Identität. Auch Gebäude, die ursprünglich vor allem nach funktionalen oder wirtschaftlichen Gesichtspunkten errichtet wurden, können durch Transformation eine neue räumliche Qualität gewinnen.
Der Wert des Bestands bemisst sich deshalb nicht allein an seiner ursprünglichen architektonischen Bedeutung, sondern ebenso an seinem Potenzial zur Weiterentwicklung.
Neue Gebäude bleiben ein selbstverständlicher Bestandteil der Architektur. Entscheidend ist, ob sie bestehende räumliche Zusammenhänge sinnvoll ergänzen, neue Beziehungen schaffen und zur Entwicklung eines Ortes beitragen.

5. Neue Nutzungen und neue räumliche Identität
Gebäude entstehen für bestimmte Aufgaben. Doch Nutzungen verändern sich, technische Anforderungen entwickeln sich weiter und gesellschaftliche Bedürfnisse wandeln sich.
Die Dauerhaftigkeit eines Gebäudes beruht deshalb selten darauf, dass es über Generationen hinweg unverändert genutzt wird. Sie beruht vielmehr auf seiner Fähigkeit, neue Anforderungen aufzunehmen.
Transformation eröffnet die Möglichkeit, bestehende Gebäude neu zu interpretieren und ihre Nutzung an veränderte Bedingungen anzupassen. Dabei können neue räumliche Typologien entstehen, die unterschiedliche Funktionen miteinander verbinden und neue Formen des Zusammenlebens, Arbeitens oder Lernens ermöglichen.
Ziel ist eine neue architektonische Identität, die aus dem Bestand hervorgeht und zugleich über ihn hinausweist. Architektonische Identität ist dabei nicht allein eine Frage der äußeren Erscheinung. Sie entsteht aus der räumlichen Ordnung, den Proportionen, der Materialität und den Beziehungen zwischen den einzelnen Teilen eines Gebäudes.
Eine solche Identität schafft Orientierung und ermöglicht es den Menschen, eine Beziehung zu ihrer gebauten Umwelt aufzubauen. Wo eine gewachsene Identität vorhanden ist, kann sie weiterentwickelt werden. Wo sie fehlt oder verloren gegangen ist, kann Transformation neue Identität schaffen.


6. Von der Architektur zur Stadt
Die Architektur der Transformation endet nicht am einzelnen Gebäude. Ihre Prinzipien gelten ebenso für Quartiere, Städte und Landschaften.
Die europäische Stadt verdankt ihre Qualität einer über lange Zeit gewachsenen räumlichen Ordnung. Nutzungsmischung, kurze Wege, öffentliche Räume und die Nähe unterschiedlicher Funktionen ermöglichen eine Stadt, die sich am menschlichen Maßstab orientiert.
Diese Qualitäten sind nicht allein das Ergebnis einzelner Gebäude. Sie entstehen aus deren Beziehungen zueinander, aus der Organisation der Freiräume, aus der vorhandenen Infrastruktur und aus dem Zusammenspiel unterschiedlicher Nutzungen.
Deshalb muss Transformation über die Grenzen einzelner Grundstücke hinausdenken. Das Quartier wird zu einer wesentlichen Einheit des Entwerfens.
Die Herausforderung besteht darin, vorhandene Strukturen so weiterzuentwickeln, dass neue Nutzungen, verbesserte öffentliche Räume und zusätzliche räumliche Qualitäten entstehen, ohne die bereits vorhandenen Ressourcen vorschnell aufzugeben.
Die Stadt des 20. Jahrhunderts ist dabei selbst zum Bestand geworden. Ihre Wohnsiedlungen, Gewerbegebiete und Infrastrukturen bilden den Ausgangspunkt einer neuen Entwurfsaufgabe. Auch dort, wo räumliche Identität fehlt, können durch gezielte Transformation neue Zusammenhänge entstehen.
Ziel ist eine kompakte und menschengerechte Stadt. Sie entsteht weder durch maximale Verdichtung noch durch unbegrenzte Expansion, sondern durch ein ausgewogenes Verhältnis von Bebauung, Freiraum, Mobilität, Infrastruktur und sozialem Leben.
Stadt und Landschaft sind dabei keine Gegensätze. Die Weiterentwicklung der bestehenden Stadt schafft zugleich die Voraussetzung, unbebaute Flächen, fruchtbare Böden und regionale Erholungsräume zu erhalten. Grünräume müssen stärker in die Stadt integriert werden und als Teil eines zusammenhängenden Lebensraums verstanden werden.
Die Zukunft liegt nicht allein im einzelnen Gebäude, sondern in der Qualität der räumlichen Zusammenhänge.

7. Nachhaltigkeit als Folge guten Entwerfens
Die Architektur der Transformation versteht Nachhaltigkeit nicht als isoliertes technisches Ziel, sondern als Folge einer verantwortungsvollen Entwurfshaltung.
Bestehende Gebäude enthalten wertvolle Materialien, Konstruktionen und die Arbeitsleistung vieler Generationen. Sie sind in vorhandene Infrastrukturen eingebunden und besitzen räumliche, wirtschaftliche und kulturelle Werte, die sich nicht allein durch ihre Baustoffe beschreiben lassen.
Ein Abriss bedeutet deshalb weit mehr als den Verlust von Baumaterial. Er kann zugleich den Verlust räumlicher Qualitäten, gewachsener Zusammenhänge und gesellschaftlicher Investitionen bedeuten.
Der verantwortungsvolle Umgang mit dem Bestand beginnt mit der Frage, welche Ressourcen bereits vorhanden sind und wie sie sinnvoll weiterentwickelt werden können.
Das bedeutet nicht, jede bestehende Struktur unabhängig von ihrer Qualität zu bewahren. Es bedeutet, Erhalt, Veränderung und Ersatz auf der Grundlage einer sorgfältigen architektonischen Analyse zu entscheiden.
Nachhaltigkeit entsteht dort, wo Gebäude langfristig nutzbar bleiben, sich an neue Bedürfnisse anpassen können und eine hohe räumliche Qualität entwickeln. Sie verbindet Dauerhaftigkeit mit Offenheit für Veränderung.
Architektur trägt Verantwortung über die eigene Gegenwart hinaus. Jede Generation übernimmt eine gebaute Umwelt und gestaltet zugleich die Möglichkeiten zukünftiger Generationen.
Diese Verantwortung ist keine Einschränkung architektonischer Kreativität. Sie erweitert den Entwurf um eine zeitliche Dimension.


8. Unsere Arbeit – Architektur für die Zukunft
Diese Entwurfshaltung bildet die Grundlage unserer Arbeit als Architekturbüro.
Wir untersuchen bestehende Gebäude und Ensembles, erkennen ihre räumlichen und konstruktiven Potenziale und entwickeln daraus Konzepte für neue Nutzungen und architektonische Veränderungen. Wir verbinden bauhistorisches Verständnis mit architektonischem Entwurf und betrachten die Transformation als einen Prozess, in dem Analyse, Gestaltung und die Weiterentwicklung des Bestands zusammengehören.
Unsere Arbeit umfasst die Auseinandersetzung mit einzelnen Räumen und Gebäuden ebenso wie mit größeren räumlichen Zusammenhängen. Je nach Aufgabe geht es um die Weiterentwicklung einer bestehenden Architektur, die Anpassung an neue Nutzungen, die Ergänzung durch neue Bauteile oder die Transformation von Quartieren.
Dabei suchen wir nicht nach einer vorgefertigten Formensprache. Jeder Ort, jedes Gebäude und jede Aufgabe verlangt eine eigene architektonische Antwort.
Unser Anspruch ist es, die vorhandenen Qualitäten zu erkennen, präzise weiterzuentwickeln und mit den Anforderungen unserer Zeit zu verbinden. So entstehen Lösungen, die nicht nur auf gegenwärtige Bedürfnisse reagieren, sondern langfristig neue Möglichkeiten eröffnen.
Architecture of Transformation ist unser Beitrag zu einer Architektur, die aus dem Vorhandenen Zukunft entwickelt. Wir verstehen Weiterbauen nicht als Alternative zur Architektur, sondern als eine ihrer anspruchsvollsten Aufgaben.





